Energie im Überfluss = alle Probleme gelöst?

Dr. Kathrin Rübberdt, DECHEMA

Die Antwort auf die Frage aller Fragen ist 42. Leider kennen wir die Frage nicht. 42Manchmal ist es in der Diskussion um Rohstoffe ähnlich. Es gibt Stimmen, die sagen, die Antwort auf alle Fragen ist billige und nachhaltige Energie. Die Argumentation lautet: Wenn wir Energie im Überfluss haben, müssen wir uns um organische Rohstoffe keine Sorgen mehr machen. Denn dann können wir aus Kohlendioxid und Wasserstoff als Basis für die chemische Wertschöpfungskette nutzen. Mit viel Energie lässt sich fast jedes chemische Molekül auf die eine oder andere Art aufbauen, auch Aromaten. Mit viel Energie können wir auch anorganische Rohstoffe aufarbeiten, gleich ob aus primären oder sekundären Quellen. Den Schlüssel dazu sehen die einen in Wind und Sonne, die anderen in der Kernfusion.

Müssen wir also nicht Antworten auf viele Fragen finden, sondern nur eine einzige? Was meinen Sie?

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2 Antworten zu Energie im Überfluss = alle Probleme gelöst?

  1. Michael Nilles, BASF schreibt:

    Die Verknüpfung von Energie und Chemie birgt für mich zwei weitere Dimensionen.
    Zum einen hat sich in den letzten 160 Jahren die (industrielle) Chemie als ein Anhängsel der Energiewirtschaft entwickelt. Aktuell werden weniger als 5% des fossilen Kohlenstoffes in der chemischen Industrie genutzt, der Rest dient der Energiewirtschaft. Zu Beginn der Industrialisierung verwerteten die ersten chemischen Produzenten den Rohstoff Kohle und seine Verabeitungsprodukte wie z.B. Teere aus Kokereien. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges erfuhr die gesamte Energiewirtschaft einen Wechsel hin zum Rohöl und seinen Derivaten. Mit Hilfe von Steamcrackern füllten nun die chemischen Produzenten ihre Wertschöpfungsketten. Abgesehen von der Atomkraft basierte die Energiewirtschaft bislang im Wesentlichen auf fossilen Kohlenstoffträgern. Die aktuellen Anstrengungen die Energieversorgung der Menschheit auf erneuerbare Energien umzustellen offenbart zum ersten Mal eine Entkoppelung der kohlenstoffbasierten Chemie von der Energiewirtschaft. Dies wird vermutlich nicht zu einem Schwenk der Chemie weg vom Kohlenstoff als „universellen“ Baustein bedeuten. Die neuen Energieumwandlungsprozesse liefern allerdings verstärkt Energieformen, wie z.B. elektrischen Strom oder Prozesswärme auf hohem Temperaturniveau, die eine Umgestaltung der aktuellen chemischen Produktionsprozesse ermöglichen.
    Zum anderen bleibt Energie ein teures Gut. Zumindest die Form, die wir in der industriellen Gesellschaft nutzen wollen. Dass die Menschheit durch die Sonneneinstrahlung auf die Erde über mehr als ausreichende Energie verfügt, ändert nichts daran, dass die Energieumwandlungsprozesse Kapital und Rohstoffe benötigen. Es wäre allerdings für die aktuellen Entwicklungsprojekte mehr als hilfreich abzuschätzen, wie der minimale Gesamtaufwand für Energieumwandlungsprozesse theoretisch aussähe, damit man die aktuellen Prozesse gegen dieses Optimum vergleichen könnte.

  2. Thomas Schmidt schreibt:

    Mehrere Forscher haben unabhängig voneinander über Bilanzierung herausgefunden, dass die Nutzung eines Bruchteils der solaren Energie, die auf der Erde auftritt für die Energieversorgung der gesamten Menschheit ausreicht. Leider gibt es noch zwei wesentliche technische Probleme zu lösen: Die effiziente Verteilung und die Überbrückung der Diskrepanz von Verfügbarkeit und Bedarf. Hier passiert in den letzten Jahren eine Menge in unserem Land und auch anderswo, so dass bei entsprechendem politischen Willen auch praktisch eine nahezu „CO2-neutrale“ Energieversorgung zumindest in gut entwickelten Ländern wie Deutschland möglich ist.
    Wie Herr Nilles richtig feststellt, ist aber die Kostenfrage ebenfalls nicht zu vernachlässigen. Leider wird hier nahezu ausschließlich stupide mit marktwirtschaftlicher Herangehensweise je nach eine entweder Betriebs- oder Volks-wirtschaftliche Berechnung durchgeführt. Die für mich als Lebewesen wesentliche Größe der Ökosystemdienstleistungen wird einfach ignoriert, da der Wert nicht oder nur sehr ungenau berechenbar ist. (Wenn der Klimawandel tatsächlich durch den Menschen hauptsächlich verursacht ist und dies die Ökosysteme wie prognostiziert schwächt gibt es aus meiner Sicht gute Gründe Faktoren wie Umweltfolgen und die dadurch beeinflusste Lebensqualität mit zu berücksichtigen.) Man sollte also die Nachhaltigkeitsaspekte (Berücksichtigung ökologischer, ökonomischer und soziokultureller Aspekte in ausgeglichenem Maße) stärker beachten, was das aktuelle Wirtschaftsmodell in unseren westlichen Staaten allerdings nur sehr eingeschränkt zulässt.
    Ein weiterer Punkt ist die Stellschraube „Energiewandlungsminimierung“. Es ist vermutlich vielen nicht so recht klar, dass der Pro-Kopf-Energieverbrauch Deutschlands zumindest 2010 unter den Top 5 der Welt lag. Es gibt also positiv formuliert viel Verbesserungspotenzial…

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