Können wir das schaffen? Ja, wir schaffen das!

Bericht über die Podiumsdiskussion bei der ProcessNet-Jahrestagung und DECHEMA-Jahrestagung der Biotechnologen am 1.10.2014 in Aachen

Dr. K. Rübberdt und Dr. A. Förster

CC BY-SA 3.0 Jorge Barrios via Wikicommons

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Hand aufs Herz: Sind Sie schon so weit, dass Sie das Wetter auf dem Smartphone nachschauen und nicht mit einem Blick durchs Fenster? Na gut, Sie natürlich nicht, aber Sie kennen bestimmt Menschen, die das (oder Vergleichbares) tun. Wir sind mitten im Übergang zum digitalen Lebensstil. Auch andere globale Entwicklungen beeinflussen uns: Vom Klimawandel zur ubiquitären Intelligenz, vom demografischen Wandel zur Konvergenz von Technologien – wir können uns diesen Trends nicht entziehen. Doch wie können wir sie zumindest gestalten mit den Mitteln, die uns als Verfahrenstechniker und Biotechnologen zur Verfügung stehen? Darüber wurde bei der Podiumsdiskussion im Rahmen der ProcessNet-Jahrestagung und 31. DECHEMA-Jahrestagung der Biotechnologen lebhaft diskutiert.

Copyright DECHEMA/Mika Volkmann

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Den Rahmen spannte Klaus Burmester von z-punkt mit einem fast schon hektischen Parforce-Ritt durch die Megatrends, der einen schwindeln ließ. Was blieb: Wir bewegen uns zur „Superkonvergenz“ und zum „Open Ecosystem“, was sich auf die Wirtschaft bezieht: eine höhere Durchlässigkeit verschiedener Disziplinen und die Vernetzung von Unternehmen hin zur gemeinsamen Entwicklung von Dienstleistungen. Der Kunde ist dank Echtzeitkommunikation immer nur einen Klick entfernt und erwartet nicht einfache Produkte, sondern Systeminnovationen bis hin zum Business-Ökosystem, in dem er sich bewegt und in dem das Einzelunternehmen aufgeht.

Diesen Kundenwünschen scheint sich niemand entziehen zu können; jedenfalls war das das Fazit von Martin Bertau, der den Themenkomplex Rohstoffe vertrat. Viele Konsumenten wollen alle 6 Monate ein neues Smartphone besitzen und das alte wandert zwangläufig über kurz oder lang auf die Deponie, wo sich die Wertstoffe ansammeln. Eine realistische Antwort darauf ist sicher nicht die Umerziehung des Verbraucherszu weniger Konsum, sondern die Schließung von Rohstoffkreisläufen. Ob diese allerdings ausreicht, die Vision der europäischen Rohstoffautarkie bis 2025 zu erreichen, darf doch bezweifelt werden; selbst wenn genügend Rohstoffe auf den Deponien und Halden liegen sollten, sind sie bisher nicht ausreichend zugänglich oder wegen der hohen Verdünnung nicht wirtschaftlich nutzbar. Den Kopf in den Sand zu stecken ist aber nicht die richtige Herangehensweise. Stattdessen appellierte Martin Bertau an alle im Saal: Lasst uns das Thema gemeinsam voranbringen!

Copyright DECHEMA Mika Volkmann

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Auch bei der Mobilität werden die Menschen sich kaum einschränken wollen. Um Personen und Waren zu transportieren, werden laut Walter Leitner, der für den Themenkomplex Kraftstoffe sprach, Verbrennungsmotoren weiter im Einsatz bleiben. Für sie werden synthetische Kraftstoffe auf regenerativer Basis gebraucht. Wo der Strom nicht in die Mobilität wandert, kann er, wie Georg Markowz darstellte, dazu genutzt werden, chemische (und biotechnologische) Prozesse zu elektrifzieren. Schon bei 20 % erneuerbaren Energien kommt es zu Konflikten zwischen Klein- und Großverbrauchern, unterschiedlichen Erzeugern und Netzbetreibern sowie der Öffentlichkeit. Sollen tatsächlich 80 % der Energie aus Sonne und Wind stammen, wird ein klares Regelwerk gebraucht. Die Chemieindustrie könnte bei der Ausgestaltung der zukünftigen Energieversorgung nach seiner Aussage eine wichtige Rolle spielen, wenn es ihr gelingt, deutlich politischer zu agieren. Technisch kann Elektrifizierung vielerlei bedeuten: von Elektronen als „Mikrobenfutter“ bis zur elektrischen Heizung; dass der Begriff nicht bei jedem sofort ein „aha“ auslöst, zeigte die kurze Umfrage im Saal.

Copyright DECHEMA / Mika Volkmann

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Für das Wassermanagement gelten, wie Gerd Sagawe ausführte, ebenfalls nicht nur technische Anforderungen (die im übrigen Ähnlichkeiten zur Kreislaufwirtschaft aufweisen). Da es sehr stark von regionalen Gegebenheiten bestimmt wird, erfordert es individuelle Lösungen, die auf Wissen und Erfahrungen beruhen. Um alle Herausforderungen gut lösen zu können, ist istein Wissenserhalt auf internationaler Ebene und in global agierenden Unternehmen notwendig, was eine spezifische Personalentwicklung und einen entsprechend globalen Personalaustausch voraussetzt. Und kommt hier nicht schon wieder der Megatrend demografischer Wandel ins Spiel?

Erst einmal steigen die Bevölkerungszahlen global aber noch etwas an – auf 9 bis 10 Mrd Menschen bis 2050, wie Thomas Hirth ausführte. Sie werden etwa dreimal soviel Energie und Rohstoffe brauchen wie heute. Dafür wird die Bioökonomie benötigt, aber auch mehr Ressourceneffizienz. Deutschland hat als Exportland ein elementares Interesse an einer stabilen globalen Wirtschaft, nach Energie- und Rohstoffversorgung. Deshalb müssen wir dazu beitragen, entsprechende Modelle zu entwickeln. Prozessentwicklung und Fachkräfte sind dafürebenso Voraussetzung wie ein begleitender gesellschaftlicher Diskurs, um Fehlentwicklungen zu vermeiden.

Copyright DECHEMA / Mika Volkmann

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Wir werden uns in Zukunft nicht nur auf einen Rohstoff wie Kohle, Erdöl oder Biomasse als Motor unserer Wirtschaft verlassen können, sondern müssen uns auf eine Rohstoffflexibilisierung einstellen. Um diesen Wandel in den kommenden Jahren erfolgreich hinzubekommen, bedarf es einer parallelen Entwicklung zu flexibleren Prozessen, die den gewachsenen Anforderungen standhalten können. Schaffen wir das? war eine Frage, die sich die Teilnehmer stellten. Ja, wir schaffen das, war die Meinung aller Podiumsteilnehmer – aber nur, wenn Biotechnologie und Verfahrenstechnik gemeinsam an den Lösungen arbeiten und wir die Themen Rohstoffversorgung, Mobilität, Energie, Wasser und Ressourceneffizienz nicht isoliert betrachten, sondern ganzheitliche Lösungen suchen.

Das Bewusstsein unter den Experten ist da, dass die Biotechnologie und die Chemische Technik Lösungen für die großen Herausforderungen der Menschheit liefern können. Das Selbstbewusstsein, dieses auch öffentlich laut zu kommunizieren, ist aber nicht ausreichend vorhanden. Der Schlussappell der beiden Moderatoren Kurt Wagemann und Roland Ulber an alle Podiumsteilnehmer und Zuhörer war deshalb klar: Wir müssen zusammenarbeiten, wenn wir die ambitionierten Ziele erreichen wollen und wir müssen unsere Lösungskompetenz besser kommunizieren!

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